Corona leert Venedig | Statusanalyse nach Kurzcheck vor Ort

Corona leert Venedig

Die Corona-Krise hat viele Lebensbereiche getroffen, aber nur wenige so stark wie die weltweite Reise- und Tourismusindustrie. Schwer getroffen sind ganz besonders die früheren Top-Ziele des Städtetourismus.

Als am stärksten von Touristen überrannte Städte in Europa nennt das Forbes Magazin vor Corona Venedig, Dubrovnik, Barcelona und Prag. Mit 25 Millionen jährlichen Besuchern bei nur 50.000 Einwohnern liegt Venedig beim Thema „Overtourism“ in Europa einsam an der Spitze. Lange Zeit war Venedig als Reiseziel für mich genau deshalb unattraktiv. Und jetzt –, nach oder während Corona – wie ist die Situation?

Die Reise letzte Woche nach Venedig war in vielerlei Hinsicht interessant. Wie in einem Brennglas war zu sehen und noch mehr zu spüren, wie tief ins Mark die Corona-Krise diese Stadt getroffen hat.

Freie Sitzplätze an der Rialtobrücke
Große Leere auf dem Markusplatz – nicht morgens ums sechs, sondern kurz vor Mittag.

Für die großen Hotels in Venedig stellen Touristen aus den USA mit Abstand die wichtigste und zahlungskräftigste Zielgruppe dar. Der Flugverkehr nach Europa ist allerdings weiterhin fast vollständig eingestellt. Einige Hotels haben deshalb nur teilweise geöffnet (San Clemente Kempinski mit 25 % der Zimmer) oder gaben in den letzten Tagen bekannt, dass demnächst schon wieder geschlossen wird (St. Regis, das Flaggschiff von Marriott). So ganz mit offenen Karten wird nicht gespielt. Auf englischen Seiten wird noch um Touristen geworben, italienische Presseerklärungen geben aber schon die Schließung bekannt (St. Regis). In der Presseerklärung ist von einem Jahr die Rede, den Mitarbeitern gegenüber wurde aber von 27 Monaten Schließung gesprochen, war zu hören. Wie es am Ende wird, wissen die Hotelgruppen wohl selbst nicht so genau. Wer weiß schon, wie lange die Krise noch dauert. Und die Zwänge aus den Bereichen Finanzierung, Abfindung und der Gefahr der Insolvenzverschleppung sind mit Händen zu greifen.

Klar ist, dass die Lage in Venedig für Eigentümer von Hotels und anderen Ferienobjekten den perfekten Sturm darstellt. Wenn ein Objekt nur zu 25 oder 40% ausgelastet ist, wird die Betreibergesellschaft den Geschäftsplan nicht annähernd einhalten können. Viele Eigentümer und (geschlossene) Fonds werden deshalb nicht in der Lage sein, sich mit Wirtschaftsprüfern und Banken über die Bewertungsansätze zum Jahresende zu einigen. Dass in Venedig neben Hotels auch Wohnungsbesitzer getroffen sein werden, liegt daran, dass die Stadt einer der wichtigsten Standorte für Airbnb weltweit ist. Wenn die zahlungskräftigen Kurzmieter wegfallen, werden viele hoch finanzierte Wohnungen für die Eigentümer ökonomisch in der Lagune versinken.

Beim Versicherungscrash 2002 (der in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen wurde) sah sich der Gesetzgeber in Deutschland gezwungen die neue Bilanzposition der „Stillen Last“ (siehe Link FAZ) zu erfinden, um den Konkurs des ganzen Sektors abzuwenden. Sofort notwendige Abschreibungen – in einer heute lächerlich niedrig erscheinenden Höhe von € 20 Milliarden – wurden so vermieden. Ähnliches ist bei Corona wohl unausweichlich – nur die Volumen werden viel höher sein.

Fazit

Venedig wird auch in dieser Krise nicht untergehen. Das ist klar. Aber es werden viele, die vor Corona gut im Geschäft waren feststellen, dass sie den kommenden Winter nicht überstehen und deshalb den nächsten Frühling finanziell nicht erleben werden.

  1. Das Problem sind nicht nur die fehlenden Touristen. Die aktuelle Situation deckt auch schonungslos auf, wie wenig viele Anbieter über Jahre investiert haben. Die Wikinger und Teutonen in ihren Pampersbombern sind bereits in Venedig aufgetaucht. Aber überteuerte Honeymoon-Suiten für von Liebe verklärte US-Pärchen sind an diese durchaus zahlungskräftige Zielgruppe nicht zu vermieten. Es ist ja auch nicht weit zurück nach Südtirol, das ähnlich wie Nord- und Ostsee und der Alpenraum bestens ausgebucht ist.
  2. Die finanziellen Herausforderungen gehen bei all denen, die über Jahre wenig bis gar nichts investiert haben, über das Finanzieren der Schließungsphasen deutlich hinaus. Wer sein Produkt nicht auf den Stand der Zeit bringt, wird keine Kunden finden, die auch nur annähernd das bezahlen, was vor Corona in der Phase des Overtourism an überhöhten Knappheitspreisen durchgesetzt werden konnte.
  3. Der Kuchen insgesamt – im Tourismus und in anderen Branchen – wird kleiner werden, weil viele Menschen mit mittleren und kleineren Einkommen deutliche Einkommenseinbußen werden hinnehmen müssen. Die Pläne für Entlassungen in vielen Branchen liegen bereits in den Schubladen. Noch will keiner der Erste sein – aber bald ist das auch egal.
  4. Die Staaten werden sich auf weitere Hilfspakete wie im Frühjahr und Sommer so schnell nicht einigen können und das Ausbleiben der Staatsgelder wirkt dann sofort und überraschend. Nachlaufeffekte wie bei geldpolitischen Maßnahmen gibt es bei Helikopter-Geld (siehe Link Wikipedia) nicht. Die Liquidität bei vielen ist dann einfach über Nacht weg.
  5. Die Aktienbörsen können unabhängig davon weiterlaufen. Easy Money und Käufe durch die US-Notenbank in Kombination mit drastischen Sanierungsmaßnahmen der Konzerne können stimulierender auf die Anleger wirken, als wir uns heute vorstellen können. Auch das Beispiel Venedig zeigt es exemplarisch:
    St. Regis-Eigner Marriott mit einer Marktkapitalisierung von immer noch mehr als $ 28 Milliarden wird Corona überleben. Die Aktie wird dieser Tage ja bereits lautstark im US-Fernsehen zum Kauf empfohlen. Die mittleren und kleinen Hotelbesitzer in Venedig hingegen sind nicht börsennotiert und belasten mit ihren Verlusten und Konkursen die Indizes vorerst nicht. Die Stimmung an den Märkten kann später aber durchaus auch noch kippen, wenn klar wird, dass Corona nicht nur eine Frühjahrsgrippe ist und dass viele zerstörte Lebenswerke nicht einfach aus der Asche auferstehen werden, selbst wenn der Virus durch Medikamente und Impfungen seinen Schrecken verliert.
  6. Eine große Chance von Corona besteht darin, dass etwas passiert, was lange Jahre kaum noch vorkam: Unrentable Marktteilnehmer scheiden aus durch Schließung oder Konkurs. Die schöpferische Zerstörung im Sinne von Schumpeter schafft Raum für Neues und genau dieser Raum stellt das Potential dar. Dass das genutzt werden wird, davon sind wir überzeugt und deshalb sind wir mittelfristig optimistisch. Unabhänig davon befürchten wir, dass die nächsten Monate für viele Menschen deutlich unangenehmer verlaufen werden, als heute gemeinhin erwartet wird.

Auch in Venedig kennt die Corona-Krise nicht nur Verlierer, sondern auch Gewinner. In hochklassigen Slowfood-Restaurants bekommt man zwar kurzfristig noch Plätze, aber ausgebucht sind sie dann doch. Qualität läuft eben meistens und gerade auch in der Krise.


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Georg Oehm

Dr. Georg Oehm arbeitet seit seiner Banklehre Mitte der 80er Jahre in Frankfurt "rund um die Börse". Nicht nur die Diplomarbeit über den Kurssturz 1987 und seine Promotion über den Rohstoffhandel von Kupfer hatten mit der Börse zu tun. Auch Unternehmenskäufe, Verkäufe und die Begleitung von IPOs gehörten zu seinen Tätigkeiten. Mellinckrodt & Cie hat als Family Office seit 2008 zwei Aktien-Fonds in Luxemburg initiiert. Das hierbei gewonnene Know-how in den Bereichen Geschäftsentwicklung, Portfoliomanagement, Vertrieb und Kommunikation ist die Basis für den derzeit stattfindenden Aufbau weiterer Geschäftsaktivitäten rund um das Thema Kapitalanlage mit Bezug zur Schweiz.

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