Zuckerberg & Co regulieren wie Rockefeller – geht das überhaupt – und fallen dann die Aktienmärkte?

Die Aufregung über Cambridge Analytica, den Wahlkampf von The Donald und die Verquickung mit Facebooks Umgangsformen bei privaten Daten war groß. Man konnte fast den Eindruck bekommen, Hannibal Mark sei mit seinen Daten-Elefanten über die Zuckerhügel in den Westalpen gestiegen und bedrohe von dort nun die Kuschelzone im Offline-Abendland.

Der Ruf nach Regulierung erschallte sofort und laut. In diesem Zusammenhang stellt sich allerdings die Frage, wer was wie regulieren könnte und ob das überhaupt zu einer Verbesserung (wovon überhaupt) führt.

In einer freien Gesellschaft ist es sicher so, dass Teil der Freiheit ist, dass volljährige Bürger nicht nur ihr Vermögen verschenken dürfen wie zahlreiche Religionsstifter vor ihnen – das Gleiche darf jeder auch mit seinen Daten machen. Sie klicken und schon leisten Sie Ihre Zustiftung zur Datensammlung eines anderen.

I. Regulieren wie Rockefeller

John D. Rockefeller gilt als bis heute reichster Mensch der Neuzeit. Im Mittelalter war wohl nur Fugger noch reicher. Rockefellers Vermögen entstand durch den Aufbau eines Monopols im Bereich der Verarbeitung und der Verteilung von Öl mit einem Weltmarktanteil von in der Spitze mehr als 90 %. Sein Unternehmen Standard Oil war Gegenstand einer Jahrzehnte währenden, vielschichtigen Auseinandersetzung innerhalb der amerikanischen Gesellschaft. Den Höhepunkt erreichte diese, als die USA unter Präsident Theodore Roosevelt 1906 auf der Basis der neu eingeführten Kartellgesetze Klage erhoben. 1911 wurde Standard Oil in 34 Nachfolgegesellschaften zerlegt. Viele davon existieren bis heute, wie zum Beispiel ExxonMobil, ConocoPhillips oder Chevron.

Einen nicht unbeträchtlichen Vermögenszuwachs erzielte Rockefeller nach der Zerschlagung. Die Kurse der Nachfolgegesellschaften fielen zunächst ins Bodenlose. Rockefeller erkannte aber, dass die Unternehmen auch zukünftig einen großen Wert haben würden und kaufte sich zu Ausverkaufspreisen im großen Stil in diese ein. Dass er über ein zeitweilig wohl einzigartiges Monopol verfügte, war eben kein Zufall. Sein Geschäftssinn war sehr ausgeprägt und versetzte ihn in die Lage, seine eigene Niederlage für ein gewinnträchtiges Geschäft zu nutzen. Er profitierte insbesondere auch davon, dass die neu erfundenen Autos und der Erste Weltkrieg für steigende Ölpreise sorgten. Themenorientiertes Investieren à la Private Equity aus dem Lehrbuch.

Regulierung allein garantiert weder Gewinn noch Verlust – es handelt sich um einen Börseneinflussfaktor unter vielen.

II. Regulierung von Oligopolen

Zur Regulierung von Monopolen und Kartellen gibt es weltweit in allen marktwirtschaftlich organisierten Gesellschaften eigens damit beauftragte Wettbewerbs- und Kartellbehörden. Eine unbestritten starke Stellung hat auf diesem Themenfeld die Europäische Union. Denken Sie nur an Jack Welch, den früheren König von GE. Dutzende Konzerne hatte er sich innerhalb von Jahrzehnten einverleibt. Zum Abschluss wollte er noch schnell Honeywell schlucken. Aber EU-Wettbewerbskommissar Mario Monti machte ihm einen Strich durch die Rechnung. Auf langwierige Abstimmungen wollte sich Welch kurz vor der Rente nicht mehr einlassen und sagte die Transaktion kurzerhand ab.

The New Yorker: Oligopole sind heute das Problem.

 

Weder GE noch Honeywell verfügt über Monopolstellungen, die auch nur annähernd mit derjenigen von Rockefeller vergleichbar wären. Das Thema heute ist eher die sogenannte marktbeherrschende Stellung und in diesem Zusammenhang das Thema Oligopol. Hierüber schreiben nicht nur Fachmagazine, auch der New Yorker hat sich des Themas schon vor Jahren ausführlich angenommen.

 

The Economist, August 13, 2016

Oligopole sind eine weit verbreitete Erscheinung. Der Economist ging so weit, Warren Buffett zu unterstellen, dass die Fokussierung auf schwer angreifbare Oligopole seine wesentliche Investmentstrategie sei. Economic Moat wird das gerne genannt – auf Deutsch kann man sagen: schwer überwindlicher Burggraben. Das wollen viele Value-Jünger natürlich nicht hören, aber der Vorwurf sitzt: Die Fokussierung auf Oligopole ist heute die Alternative zur Fokussierung auf Monopole à la Rockefeller.

III. Oligopole, nicht nur an der Tankstelle

Jeder kennt es, die Zeitungen schreiben darüber, aber es ist nie etwas nachzuweisen – beim Oligopol an der Tankstelle. Und das wird sich auch nicht ändern. Eine der wichtigsten Eigenschaften eines Oligopols ist, dass es unter den Oligopolisten gleichgerichtete Interessen gibt, über die eine direkte Abstimmung gar nicht erforderlich ist, weil das optimale Verhalten offensichtlich ist.

In der City Nord in Hamburg brauchen die Ölkonzerne gar keine Wimpel ins Fenster zu stellen, damit die Wettbewerber wissen, dass der Preis angehoben werden soll. Der Benzinmarkt in Rotterdam ist öffentlich, die Richtung der Preise damit klar und in gut funktionierenden Oligopolen gibt es keinen, der das macht, was am unangenehmsten wäre: einen Preiskrieg. Der eine hebt den Benzinpreis einen Cent an, die andern überlegen, was gut für sie ist. Es wird weder telefoniert noch eine E-Mail geschrieben und schon gar nicht ein Kartellvorgang durch den Kauf eines Unternehmens ausgelöst. Ob der Preis einen Cent steigt oder fällt, interessiert ja vielleicht die Verbraucher. Für die Oligopolisten ist viel wichtiger, dass die Marge nicht negativ beeinflusst wird. Das wäre bei einem Preiskrieg der Fall. Aber da helfen die Staaten gerne mit: ANTI-DUMPING nennt sich das. Haben Sie sicher neulich schon gehört, im Zusammenhang mit Trump, Stahl und China.

Die Strukturen, innerhalb derer Oligopole agieren, sind zumeist völlig legal. Und die Stakeholder – allen voran Gewerkschaften und Steuern erhebende Politiker – haben wenig Interesse, dass sich daran etwas ändert. Wer das bezahlt: Sie natürlich. Mit höheren Preisen und geringerer Innovation. Das ist dann die Chance für die Kleinen – und von denen gibt es ja in der Schweiz und Deutschland so viele, dass Chinesen und Amerikaner ordentlich neidisch sind.

IV.  WWW-Monopole

Donald Trump nimmt nicht nur China und Zölle aufs Korn. Auch Amazon ist nicht vor ihm sicher. Auch hier gilt: Während viele Europäer auch bei diesem Thema glauben, Trump argumentiere nur polemisch, ist es auch hier bei genauerem Hinsehen doch anders. Amazon ist ein Marktplatz, auf dem von Amazon unabhängige Unternehmen ihre Produkte anbieten und über diesen auch den Verkauf und die Bezahlung abwickeln können.  Der Nebeneffekt ist, dass Amazon als Plattform ganz genau sieht, welche Produkte anderer Unternehmen auf der eigenen Plattform gut laufen. Kaum zu glauben, aber eine gängige Praxis von Amazon ist es, diese Produkte einfach auch herstellen zu lassen und dann selbst auf der Plattform in direkter Konkurrenz zu den Unternehmen anzubieten, die ursprünglich die Idee hatten. Dass Trump nicht rein polemisch agiert, kann man daran erkennen, dass es zum Beispiel von der renommierten US-Universität Yale bereits ausführliche Studien zu diesem Thema gibt, die zur besten Sendezeit im US-Börsenfernsehen vorgestellt werden.

Amazons Antitrust-Paradox

Das Problem ist klar:
Die Innovationsrendite des Kleinunternehmers geht flöten. Amazon steckt sie zunächst noch ein, mit der Zeit leidet aber das ganze Modell, weil pfiffige Unternehmer sich das nicht gefallen lassen wollen. Die gehen dann auf einen anderen Marktplatz – wie hieß der noch gleich?

Wenn Amazon von den Wettbewerbsbehörden als „Standard OIL Delivery“-Corporation eingestuft wird, die unter anderem deshalb keine richtigen Gewinne ausweist, weil andere Märkte „erschlossen“ werden, ist klar was passiert. Siehe oben: Regulierung und Strukturveränderung. Ob das dann Jeff Bezos davon abhält, zu Rockefeller finanziell aufzuschließen, darf allerdings bezweifelt werden (siehe auch oben).

V. WWW-Oligopole

Daten-Hannibal-Mark lieferte hierfür in den letzten Tagen ein plakatives Beispiel. Facebook verfügt über eine riesige Datenbank und erklärt, dass es ein neues Angebot macht. Dating. Die Kurse der börsennotierten Dating-Portale in den USA gingen auf Talfahrt. Natürlich kam auch der Hinweis, das habe Facebook erfolglos bereits früher versucht. Treffender fand ich in dem Zusammenhang den Kommentar eines FT-Leser: „Ich warte beim Dating auf Amazon. Die bieten auch Lieferung an.“

Spaß beiseite. Das Problem wird klar: Die Abgrenzung zwischen Monopolstellung, unfairem Wettbewerb und erlaubter Produktinnovation ist schwierig. Zunehmende Regulierung in diesem Bereich ist sicher nötig, um den Umgang mit den Daten auf eine sicherere Grundlage zu stellen. Die Erfahrung zeigt aber auch, dass mehr Regulierung eine der klassischen Maßnahmen ist, um Oligopole zu fördern.

Deshalb bleibt festzuhalten: Mehr Regulierung ist ein Thema. Dass sich die Vermögenszuwächse im Silicon Valley dadurch abschwächen, ist allerdings nicht zu erwarten. Die Konzentration nimmt wohl eher noch zu. Davon dürfte die Börse profitieren, denn die Börsen sind der Tummelplatz der Oligopolisten aller Länder.

 

 


Georg Oehm

Dr. Georg Oehm arbeitet seit seiner Banklehre Mitte der 80er Jahre in Frankfurt "rund um die Börse". Nicht nur die Diplomarbeit über den Kurssturz 1987 und seine Promotion über den Rohstoffhandel von Kupfer hatten mit der Börse zu tun. Auch Unternehmenskäufe, Verkäufe und die Begleitung von IPOs gehörten zu seinen Tätigkeiten. Mellinckrodt & Cie hat als Family Office seit 2008 zwei Aktien-Fonds in Luxemburg initiiert. Das hierbei gewonnene Know-how in den Bereichen Geschäftsentwicklung, Portfoliomanagement, Vertrieb und Kommunikation ist die Basis für den derzeit stattfindenden Aufbau weiterer Geschäftsaktivitäten rund um das Thema Kapitalanlage mit Bezug zur Schweiz.

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