Einzelhandel, Gillette und Unicorns

England stellt fest, dass der Nabel der Welt doch woanders liegt und Brexit eher englisches In-house-Thema ist, als ein Problem für den Rest der Welt. Ähnliches gilt für das in der Presse hochgespielte Thema „Finanzierung Italienischer Banken“. Auch Mario Renzi erlebt, dass seine Versäumnisse der bisherigen Amtszeit ihm auf die Füße fallen, die Welt das Weite sucht und getreu den Sprüchen der Karawanen einfach weiter zieht.

Ob es England und Italien – vielleicht auch im Zusammenspiel – gelingt, nach dem Sommerloch die Themenhoheit auf den Newstickern zurück zu erlangen, bleibt abzuwarten. Möglich ist es natürlich.


Die schöpferische Zerstörung im Sinne von Schumpeter geht mit großer Geschwindigkeit weiter. Der technologische Wandel verändert die Welt.
Amazon erhält in in Brexit-Country die Genehmigung, Paketauslieferungen mit Drohnen zu testen. Ein Elektronikhändler aus der Schweiz berichtete bereits vor Wochen, dass er seine Bauteile nicht mehr mit der Post ausliefert. Das dauert den Kunden zu lange. Nachmittags bestelltes kommt abends mit dem Pizza-Lieferdienst ins Haus – am gleichen Tag.


Bisher fand ich Elektronikmärkte deshalb gut, weil diiese eine Reparaturabteilung haben, bei der man problemlos nicht funktionierendes umtauschen kann. Vorletzte Woche kaufte ich ein kabelloses Headset. Nach zwei Tagen gab es ein technisches Problem, zu dessen Lösung ich bei der Hotline des Herstellers anrief. Die Mitarbeiterin im Callcenter stellte zwei oder drei Fragen, ließ mich noch das ein oder andere ausprobieren und sagte dann – so etwa nach zwei Minuten: Austausch. Wie große Elektronikmärkte die riesigen Flächen in den Innenstädten produktiv bewirtschaften ist mir schon länger nicht mehr klar. Aber wenn das Reparaturthema noch stärker von endkundenaffinen Herstellern übernommen wird, dann gute Nacht Elektronik-Einzelhandel in den Innenstädten.


Unilever kauft den Dollar Sharve Club, einen Anbieter von Abonnements für Rasierklingen zum Preis von US$ 1 Mrd.
Warum?
Weil Rasierklingen ein tolles Geschäft sind. Allerdings sieht es danach aus, dass es neue Verlierer gibt.

Zum Hintergrund:
Rasierklingen sind ein Geschäft mit einem weltweiten Umsatz irgendwo in der Mitte zwischen 10 und 20 Mrd. US$. pro Jahr. Das ist die Hälfte des Quartalsumsatzes von Amazon weltweit (Q1 2016 29 Mrd. US$). Kein kleines Geschäft also.
Nr. 1 mit mehr als zwei Drittel des Weltumsatzes ist Gillette, eine langjährige Beteiligung von Warren Buffett, die dieser im Rahmen eines Mergers gegen Aktien in den Procter & Gamble-Konzern einbrachte. Die Margen bei den Klingen werden nicht veröffentlicht, aber eins ist klar: hoch sind sie – bisher.
Rasierklingen gehören zu den Produkten, die an der Kasse jedes Supermarktes verkauft werden. Wenn man weiß, dass die Margen der Supermärkte bei allem in Kassennähe mindestens bei 50% des Verkaufspreises liegen, ahnen Sie schon, was passiert.

Der Dollar Shave Club verschickt Monatsmengen Rasierklingen per Brief. Für die Kunden ist das bequem und der Preisvorteil ist attraktiv. Die Hersteller sagen ja immer schon, dass sie nicht Rasierklingen produzieren, sondern Dollars. Das wird auch so bleiben, denn weltweit sind weniger Firmen Produzenten, als Sie Finger an einer Hand haben. Aber der Angriff von Internet-Vertriebsmaschinen à la Dollar Shave Club trifft den Einzelhandel ins Mark. Wenn nach und nach ein hochmargiges Produkt nach dem anderen über neue Internetvertriebsmodelle aus dem Einzelhandel herausgebrochen wird, kann eins festgehalten werden: Immobilien mit Einzelhändlern als Mietern wollen Sie dann keine mehr haben. Denn mit Klopapier, Waschmitteln und Mehl alleine können Mieten nicht bezahlt werden.

Die Stimmung im Einzelhandel ist ohnehin angespannt, denn es kursieren Gerüchte, dass Amazon in den Lebensmittelhandel auf dem europäischen Festland einsteigen will.
Für uns steht schon seit Herbst letzten Jahres fest:
Einzelhandel alter Form – Finger weg!


Ein Handy haben die Bürger der Welt alle schon. Dass es den Herstellern und ihren Zulieferern gelingt, den Umsatz ähnlich dynamisch zu steigern, wie in den letzten Jahren, ist unwahrscheinlich.

Silicon Valley sucht nach etwas anderem. Die extrem große und schnelle weltweite Verbreitung von Mobiltelefonen ist ein Phänomen, dass es in ähnlicher Form im Technologiesektor erst einmal gab:
bei der Einführung des PCs.
Auch damals war es so, dass zunächst die Hersteller der Geräte viel Geld verdient haben. Commodore, Atari, Schneider PC – und der Apple 2c natürlich.
Nachhaltiges Geld bis heute verdienen an PCs Unternehmen, die es geschafft haben, die damals plötzlich überall verfügbaren Geräte für neue Geschäftsmodelle zu nutzen. Denken Sie zum Beispiel an Compugroup, einen Anbieter von Software für niedergelassene Ärzte. Wenn Sie Ihren Arzt beim nächsten Besuch fragen, welche Software er nutzt: wahrscheinlich Compugroup auf seinem PC, mit dem er möglichst nichts zu tun haben will und an dem er nur ungerne etwas verändert. Schön fürs Geschäft, wenn ein Update nach dem anderen verkauft wird – an mehr als 50% der niedergelassenen Ärzte in Deutschland.
„The next big thing in Tech“ werden Geschäftsmodelle sein, die die Allverfügbarkeit von Mobiltelefonen in neuer Art und Weise nutzen – und alte Strukturen zerbrechen – ganz im Sinne des berühmten Ökonomen Schumpeter. Rasierklingen oder Dienstleistungen – wir dürfen gespannt sein.


Die Bäume wachsen allerdings nicht in den Himmel – auch nicht in Kalifornien. Der Taxivermittlungsdienst Uber sah sich gezwungen, sein mit viel Hoffnungen gestartetes Geschäft in China an den Hauptkonkurrrenten Didi zu verkaufen. Die Chinaphantasie ist weg, die laufenden Milliardenverluste aus China aber auch. Bei Investoren verstärkt sich der Eindruck, dass der Verkauf der Story am Venture Markt besser gelungen ist, als die Umsetzung des operativen Geschäftes. Die Markteintrittsbarrieren sind wohl doch niedriger als bei der Herstellung von Rasierklingen.

[Kern-Knowhow von Gillette ist die Herstellung der Maschinen zur Fertigung der Klingen – Kaufen können Dritte die Maschinen natürlich nicht.]

Ob die Unicorn-Bewertung von rund US$ 50 Mrd. so bleibt oder die Luft aus dem Uber-Ballon entweicht – auch das bleibt spannend, aber Taxifahrer scheinen aufzuatmen und die Wettbewerber bei der Vermittlung haben auch noch nicht alle aufgegeben. Nicht zu vergessen die Regulatorik, die bei Taxis sicher vielschichtiger ist als bei Rasierklingen. Jeder Bürgermeister will das in seinem Königreich anders geregelt haben.
Rasieren tun sie sich alle mit den gleichen Klingen oder ein Rasierapparat kommt zum Einsatz – natürlich von Braun – Verzeihung: Gillette (hat Braun schon vor Jahrzehnten gekauft). Warren Buffett ließ da eben nie etwas anbrennen. Mit dem bauen von Quasi-Monopolen kennt er sich bestens aus. Das Einzige, was mich wundert ist, dass er es nicht geschafft hat, von Apple Lizenzgebühren dafür zu kassieren, dass Steve Jobs das Braun Design mehr oder weniger direkt kopiert hat. Egal, dafür hat er neulich erstmals Apple-Aktien gekauft.


Georg Oehm

Dr. Georg Oehm arbeitet seit seiner Banklehre Mitte der 80er Jahre in Frankfurt "rund um die Börse". Nicht nur die Diplomarbeit über den Kurssturz 1987 und seine Promotion über den Rohstoffhandel von Kupfer hatten mit der Börse zu tun. Auch Unternehmenskäufe, Verkäufe und die Begleitung von IPOs gehörten zu seinen Tätigkeiten. Mellinckrodt & Cie hat als Family Office seit 2008 zwei Aktien-Fonds in Luxemburg initiiert. Das hierbei gewonnene Know-how in den Bereichen Geschäftsentwicklung, Portfoliomanagement, Vertrieb und Kommunikation ist die Basis für den derzeit stattfindenden Aufbau weiterer Geschäftsaktivitäten rund um das Thema Kapitalanlage mit Bezug zur Schweiz.

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